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von dirk I hamburg I 20 September 2011

Kleben und kleben lassen. Wenn Schreibtischtäter einen modernen Häuserkampf anzetteln.

Wer nach 1985 geboren ist, kennt es wohl eher als Mosaikfilter bei den gängigen Grafikprogrammen. Gemeint ist der pixelige 8-Bit-Grafik-Look legendärer Achtzigerjahre-Konsolenspiele. Ob 1982 an der Atari 2600 bei „Asteroids“, „Space Invaders“, „Defender“. Oder vier Jahre später an der Nintendo 8-Bit-Videospielkonsole NES mit dem schnauzbärtigen Italoklempner „Super Mario“.

10 Jahre vor den ersten Spielkonsolen wurde in den USA etwas vergleichsweise Unspektakuläres und doch Belangreiches erfunden: der selbstklebende, maisgelbe Notizzettel. Heute gibt es ihn in allen Farben und Formen. Von den klassischen 100-Blatt-Blöcken im Format 76 x 76 mm der Marke „Post-it“, werden allein in Deutschland jährlich rund 5 Millionen Stück verkauft.

Das könnte sich ab sofort drastisch steigern. Schuld daran ist eine Art Notizzettel-Battle, die internationale Markenbezeichnung lautet „Post-it-War“. Kreative Büroangestellte wie büroangestellte Kreative haben die selbstklebenden, bunten Notizzettel neu erfunden und nutzen sie für sensationelle Office Art. In der typischen 8-Bit-Oldschool-Videospiele-Optik liefern sich coolste Figuren und Monster seit Wochen eine Art Competition an den Fenstern unterschiedlichster Bürogebäude.

Ausgebrochen ist die Notizzettel-Battle anscheinend in Montreuil, einem Industriegebiet 8 km östlich von Paris. Aber genau weiß man das bei Kriegen ja hinterher nie so wirklich. Ein Angestellter einer Computerfirma soll seine Fensterfront mit einem bunten Alien verziert haben. Mitarbeiter eines gegenüberliegenden Bankhauses fühlten sich herausgefordert und antworteten mit einem imposanten Klebezettelraumschiff, welches auf das Alien schießt. Boom! Ein neuer Hype war ausgelöst. Die international gültige, einfache Mechanik: Aktion – Reaktion! Via Internet und Community-Plattformen wie Facebook verbreiteten sich die analogen Häuserkämpfe flugs über die Landesgrenzen. Längst kann man auch in Hamburg skurrile Fensterfiguren bestaunen. Neben martialisch-süßen Monstern und Alien-Klassikern gibt es inzwischen nichts, was es nicht gibt: von Elmo bis Homer Simpson, von Sonic bis Paulchen Panther. Für die einen ist es Krieg, für die anderen Zeit- und Papierverschwendung.

Verblüffend finde ich, dass eine Erfindung der Siebziger in Kombination mit einer Technik der Achtziger einen kreativen Trend auslöst im Jahre 2011. Quasi ein kastriertes Indoor-Pendant zur Street Art. Perfekt für den modernen Schreibtischtäter: sauber, temporär, legal, lärmfrei, geruchsneutral. Office Art fördert Motivation, Kreativität und Teamgeist. Von außen betrachtet: Anonyme Betonklötze bekommen plötzlich etwas Menschliches, Sympathisches. Selbst grässlichste Asbestbausünden kriegen erstmals die Chance, bemerkt und bestaunt zu werden. Und mal ehrlich, für zeitgemäßes Notieren von Geistesblitzen nutzt der Bürohengst 2.0 sowieso längst die digitalen gelben, wesentlich praktischeren Notizzettel am Computer. Deshalb, Kopf hoch und – lang klebe die Kreativität!